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Medikamentenmanagement: Sichere Arzneimittelgabe in der Pflege

Die 6R-Regel, Hochrisiko-Arzneimittel, Wechselwirkungen erkennen und Medikationsfehler vermeiden. Ein praxisnaher Leitfaden für Pflegefachkräfte.

DTDennis Tefett|12 Min Lesezeit|Feb 2026Kostenlos
MedikamenteArzneimittel6R-RegelPatientensicherheit
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Aus der Praxis

Pflegefachkraft Sarah bereitet die Abendmedikation vor. Auf Station 3 liegen zwei Patienten mit ähnlichen Nachnamen: Herr Meier (Zimmer 312) und Herr Meyer (Zimmer 314). Herr Meier erhält Metoprolol 47,5 mg, Herr Meyer erhält Metformin 500 mg. Sarah hat die Medikamente vorbereitet, wird beim Stellen unterbrochen und nimmt die Tabletten mit in die Zimmer. Erst als Herr Meyer nach seinem „Herztabletten" fragt, bemerkt sie den Fehler. Die 6R-Regel hätte diesen Beinahe-Fehler verhindert.
Medikationsfehler in Deutschland5 %aller Krankenhausaufenthalte

Die 6R-Regel: Fundament der sicheren Arzneimittelgabe

Jeder 20. Krankenhausaufenthalt in Deutschland wird durch Medikationsfehler verursacht oder verlängert. Die 6R-Regel ist das wichtigste Werkzeug, um Fehler bei der Arzneimittelgabe zu vermeiden. Sie wird bei jeder einzelnen Medikamentengabe angewendet, ohne Ausnahme.
1

Richtiger Patient

Identifizieren Sie den Patienten oder die Patientin eindeutig. Fragen Sie nach dem Namen und dem Geburtsdatum. Vergleichen Sie mit dem Patientenarmband. Bei bewusstseinseingeschränkten Personen nutzen Sie mindestens zwei Identifikationsmerkmale. Verlassen Sie sich niemals allein auf die Zimmernummer.

2

Richtiges Medikament

Vergleichen Sie den Medikamentennamen auf der Verpackung mit der ärztlichen Verordnung. Achten Sie auf LASA-Verwechslungen (Look Alike, Sound Alike): Medikamente mit ähnlichem Namen oder ähnlicher Verpackung. Prüfen Sie den Wirkstoff, nicht nur den Handelsnamen.

3

Richtige Dosis

Überprüfen Sie die verordnete Dosis und rechnen Sie bei Bedarf nach. Besonders bei pädiatrischen Dosierungen, Niereninsuffizienz oder geriatrischen Patienten sind Dosisanpassungen häufig. Bei Zweifeln: Rücksprache mit dem verordnenden Arzt oder der Apotheke, nicht eigenständig interpretieren.

4

Richtiger Zeitpunkt

Viele Medikamente haben einen optimalen Einnahmezeitpunkt: nüchtern (30 Minuten vor dem Essen), zu den Mahlzeiten, abends oder in festen Intervallen. Schilddrüsenhormone (L-Thyroxin) müssen beispielsweise 30 Minuten vor dem Frühstück nüchtern eingenommen werden. Protonenpumpenhemmer wirken am besten 30 Minuten vor der ersten Mahlzeit.

5

Richtige Applikationsform

Oral, sublingual, rektal, subkutan, intramuskulär, intravenös, transdermal, inhalativ: Die Applikationsform ist verordnungspflichtig und darf nicht eigenmächtig verändert werden. Retardtabletten dürfen nicht geteilt oder gemörsert werden, da dies die kontrollierte Wirkstofffreisetzung zerstört und zu Überdosierungen führen kann.

6

Richtige Dokumentation

Dokumentieren Sie die Gabe unmittelbar nach der Verabreichung mit Uhrzeit, Handzeichen und gegebenenfalls Besonderheiten. Nicht gegebene Medikamente werden mit Begründung dokumentiert (Verweigerung, Nüchternheit, Absetzen). Eine lückenlose Dokumentation ist die Grundlage für Therapiesicherheit und rechtlichen Schutz.

Hochrisiko-Arzneimittel erkennen

Bestimmte Arzneimittelgruppen erfordern besondere Aufmerksamkeit, weil Fehler bei diesen Substanzen schwerwiegende oder lebensbedrohliche Folgen haben können. Diese Hochrisiko-Arzneimittel unterliegen in vielen Einrichtungen zusätzlichen Sicherheitsprotokollen, etwa einer Doppelkontrolle oder besonderen Lagerungsvorschriften.
💉

Insulin

Verwechslungsgefahr zwischen Insulinarten (schnell, intermediär, langwirkend). Dosierung in Einheiten (IE), niemals in Millilitern. Nur mit Insulinspritzen oder Insulinpens applizieren. Verwechslung von Einheiten kann zu schweren Hypoglykämien oder Hyperglykämien führen.

🩸

Antikoagulanzien

Heparin, Marcumar (Phenprocoumon), DOAKs (Rivaroxaban, Apixaban): Überdosierung führt zu Blutungskomplikationen, Unterdosierung zu Thrombosen. INR-Wert-Kontrolle bei Vitamin-K-Antagonisten, Nierenfunktion bei DOAKs beachten.

💊

Opioide

Morphin, Fentanyl, Oxycodon: Atemdepression bei Überdosierung möglich. Besondere Vorsicht bei opioidnaiven Patienten, eingeschränkter Nierenfunktion und Kombinationstherapie mit Benzodiazepinen. Naloxon als Antidot muss verfügbar sein.

LASA-Arzneimittel

Look Alike, Sound Alike: Medikamente mit ähnlichem Aussehen oder Klang des Namens. Beispiele: Losartan/Valsartan, Metformin/Metoprolol, Prednisolon/Prednison. Tallman Lettering (Großbuchstaben zur Unterscheidung) ist eine bewährte Sicherheitsmaßnahme.

Polypharmazie bei älteren Menschen

Menschen über 65 Jahre nehmen durchschnittlich fünf oder mehr Medikamente dauerhaft ein. Ab dieser Schwelle spricht man von Polypharmazie. Mit jeder zusätzlichen Substanz steigt das Risiko für Wechselwirkungen, unerwünschte Arzneimittelwirkungen und Einnahmefehler. Die veränderte Pharmakokinetik im Alter (verlangsamter Stoffwechsel, reduzierte Nierenfunktion, verändertes Verteilungsvolumen) macht ältere Menschen besonders vulnerabel.
Die PRISCUS-Liste (seit 2023 als PRISCUS 2.0 aktualisiert) identifiziert Arzneistoffe, die für ältere Menschen potenziell ungeeignet sind. Pflegefachkräfte sollten diese Liste kennen und bei Verdacht auf problematische Verordnungen das Gespräch mit dem verordnenden Arzt oder der Ärztin suchen. Dies ist kein Eingriff in die ärztliche Therapiehoheit, sondern eine professionelle Sicherheitsleistung.
📋

PRISCUS 2.0: Wichtige Beispiele

Zu den potenziell inadäquaten Arzneimitteln für ältere Menschen gehören unter anderem: langwirkende Benzodiazepine (Diazepam), bestimmte Antidepressiva (Amitriptylin), Antihistaminika der 1. Generation (Promethazin), nichtsteroidale Antirheumatika als Dauermedikation (Ibuprofen, Diclofenac) und bestimmte Antihypertensiva (Doxazosin). Im Zweifelsfall: Apotheke oder Arzt konsultieren.

Checkliste: Sichere Medikamentengabe

6R-Regel bei jeder einzelnen Medikamentengabe anwenden, ohne Ausnahme

Ärztliche Verordnung schriftlich und eindeutig vorliegen lassen (keine mündlichen Verordnungen ohne schriftliche Bestätigung)

Hochrisiko-Arzneimittel mit Doppelkontrolle verabreichen (Vier-Augen-Prinzip)

LASA-Medikamente durch farbliche Kennzeichnung oder Tallman Lettering unterscheiden

Medikamente erst unmittelbar vor der Gabe aus der Verpackung nehmen

Nie Medikamente stellen, die eine andere Person verabreichen soll, ohne klare Kennzeichnung

Bei Schluckstörungen: Rücksprache mit Arzt und Apotheke zu alternativen Darreichungsformen

Wechselwirkungen prüfen, besonders bei Neuverordnungen und Polypharmazie

Unerwünschte Arzneimittelwirkungen beobachten, dokumentieren und melden

Patientinnen und Patienten über ihre Medikamente informieren und zur Selbstbeobachtung anleiten

Die sicherste Medikamentengabe ist die, bei der wir keinen Schritt überspringen. Routine darf nie zur Nachlässigkeit werden.

🚑

Nächster Schritt: Arzneimittelsicherheit

Vertiefen Sie Ihr Wissen zur Arzneimittelsicherheit in unseren Fortbildungen. Mit interaktiven Fallbeispielen, LASA-Training und praktischen Übungen zur 6R-Regel. Jetzt informieren unter /seminare/refresher-kurse.
DT

Dennis Tefett, M.Sc.

Pflege- und Neurowissenschaftler. Gründer des Refresher Zentrums. Über 300 Führungskräfte und Praxisanleitende geschult.

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